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Der Friseursalon

 
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herb





Angemeldet seit: 13.09.2006
Beiträge: 1106

Wohnort: Berlin

BeitragVerfasst am: 25.Sep.06 14:20 Nr: 541    Titel:  Der Friseursalon

Im Jahre 2000 legte an einem Freitagabend Anfang März Lukas den Telefonhörer auf. Er lächelte versonnen. Die Stimme seines alten Onkels klang in ihm nach.
„Klar, Junge, ich hab' doch immer Zeit. Ich möchte mal sagen, ich freue mich, wenn du mich nicht vergessen hast.“
Onkel „ich möchte mal sagen“ nannten Lukas und seine Geschwister ihn schon als Kinder, Lukas grinste. In seinen Onkel Gustav sah er so etwas wie seinen Seelenverwandten.

Onkel Gustav lebte seit einem Jahr lang allein. Er war inzwischen sechsundachtzig Jahre alt und wohnte in einem Vorort Berlins in seinem Haus.
In der Nähe befanden sich ein See und ein großer Wald.
Lukas stieg aus der S-Bahn. Er war der einzige Fahrgast an diesem Sonnabendnachmittag. Auch vor dem Bahnhofsgebäude sah er niemand. Hier verströmte sich die Großstadt in ein verschlafenes Dorf. Die Luft, die er nahezu beglückt einzog, roch frisch. Die Kälte hatte ihre Kraft verloren, die eisige Klammer des Winters erlahmte, der März ließ die Geburt des Frühlings ahnen.
Lukas lächelte, und schon schob sich die Sonne hinter den Wolken hervor, als hätte sein Wunsch die Stärke es zu bewirken. Er ging die Hauptstraße entlang, bis er in eine kleine Gasse abbog, um eine Abkürzung durch ein Kiefernwäldchen zu wählen. Der feuchte Nadelboden federte unter seinen Schritten. Zwischen den hohen Bäumen entdeckte er einzelne Schneeinseln, die nun die Sonne aufleckte. Ein Vogel flog auf, als hätte er ihn erschreckt.
Lukas blieb stehen und sah dem Vogel verträumt nach. Das Tier landete in sicherer Entfernung auf einem Ast und beäugte ihn misstrauisch.

Als Kind war Lukas mit Bruder und Schwester oft diesen Weg gegangen, um seinen Onkel Gustav und die Tante Elfriede zu besuchen. Das kinderlose Paar freute sich über die drei. Tante Elfriede hatte extra Streuselkuchen gebacken und es gab Kakao dazu.
„Ich möchte mal sagen“, bemerkte Onkel Gustav, zwirbelte mit den Fingern seiner rechten Hand seinen französischen Schnurrbart und zwinkerte Lukas, dem Jüngsten zu, „schön, dass ihr gekommen seid und unserem Wochenende die friedliche Ruhe stehlt.“
Lukas kicherte bereits als Kleiner über Onkel Gustavs Worte, während Tante Elfriede sich beeilte zu beteuern, sei wären ehrlich erfreut.
„Man muss ja nicht alles glauben, was Onkel Gustav sagt.“
Und so nannten sie die Tante hinter ihrem Rücken die Tante „man muss ja nicht alles glauben“, und der Onkel „ich möchte mal sagen“ passte zu ihr, wie der Deckel auf seinem Topf, so hörte es der kleine Lukas schon oft von seinen Eltern.
Natürlich besuchten sie die Tante und den Onkel nur im Hochsommer und eilten zum Baden an den See, noch während sie am Streuselkuchen kauten. Am Abend saßen sie alle am großen Gartentisch und aßen Kartoffelsalat, köstlich von Tante Elfriede selbst gemacht und knackige Bockwürste aus Halberstadt. Halberstädter Würstchen gehörten in der DDR zu den Mangelwaren, Onkel Gustav aber war ein Friseurmeister mit Beziehungen. Er besaß einen eigenen und privaten Salon, der den größten Teil des Erdgeschosses seines zweistöckigen Hauses einnahm.
An diesen Wochenenden im Hochsommer blieben sie über Nacht bei Tante und Onkel. Sie mussten in einem Gästezimmer mit zwei Betten schlafen, ein Bett hatte die große Schwester für sich allein, Lukas aber teilte ein Bett mit seinem drei Jahre älteren Bruder.
Wenn sie dann zum Frühstück wieder alle gemeinsam im Garten saßen, erkundigte sich Onkel Gustav freundlich, ob sie denn gut geschlafen hätten. Lukas erinnerte sich genau, wie er selbst maulend von sich gab, dass sein Bruder ihm immerzu die Bettdecke wegzog, woraufhin Tante Elfriede schmunzelte und Onkel Gustav laut schallend lachte.
„Früher musste ich mit meinem älteren Bruder Alfred zusammen schlafen, und es ging mir genau so. Ach, er war schon ein arger Hundsfott.“
Alfred war eine ferne, damals noch lebende Legende der Familie, der im Westen wohnte.
Obwohl sie von Onkel Alfred unbekannterweise sprachen, obwohl sie den Onkel „ich möchte mal sagen“ mit Onkel Gustav anredeten, begriff Lukas als Kind schon, dass es sich um Großonkels handelte.
Onkel Gustav war fünfzehn Jahre älter als der Vater.

Vor zehn Jahren starb Lukas’ Vater, zwei Jahre später seine Mutter. Sie waren beide eigentlich zu jung zu gehen, doch der Tod fragt nicht danach. Tante Elfriede und Onkel Gustav erschienen zu den Beerdigungen wie die eisernen Vorfahren, obwohl sie doch genaugenommen einen nutzlosen Zweig im Stammbaum darstellten.
Ein paar Jahre besuchte Lukas die beiden Alten regelmäßig, fast jeden Monat. Wie selbstverständlich nahmen sie scheinbar die Elternrolle an. Wenn Lukas gerade eine neue Freundin hatte, stellte er sie Tante Elfriede und Onkel Gustav vor. Oft hielt seine aktuelle Liebste anfangs die beiden Alten für seine Eltern, was Tante Elfriede lächelnd und Onkel Gustav schmunzelnd und Augen zwinkernd gern duldeten.
In den meisten Fällen dauerte Lukas’ Liebschaften nicht so lange, dass es zu einer Aufklärung kam. Er fand in warmen Sommernächten das Gästezimmer zur Übernachtung bereit und schlief wieder zu zweit in einem Bett, das andere blieb ungenutzt. Und wenn durch das offene Fenster vom Garten her das Zirpen der Grillen das Flüstern seiner Liebsten im Arm begleitete, dachte Lukas an die schlafenden Alten.
„Sie sind nicht meine Eltern, sie sind Onkel und Tante meines Vaters.“
Manchmal entschied er sich eben zu diesem Satz. Und dann hörte er oft:
„Ich hätte wetten können, dass dieser Mann dein Vater ist.“
Einige Male erschien Lukas ohne Begleitung zu Besuch und einmal erzählte er auch, dass so manche Freundin diese Vermutung äußerte. Zu dieser Zeit hatte er sich angewöhnt, eine Flasche guten Whisky mitzubringen, denn Onkel Gustav hatte eine Vorliebe aus der Jugendzeit entdeckt, die Lukas auch teilte. Die alte Tante Elfriede schenkte ihnen gerade beide je ein Glas ein und lächelte.
„Das liegt daran, dass ihr die Frauen liebt, sie sehen es am Funkeln in euren Augen.“
Onkel Gustav zwirbelte seinen Schnurrbart und zwinkerte mit den Augen.
„Ich möchte mal sagen, die Frau an sich ist liebenswert.“
Oha, gab Lukas, nun seinerseits schmunzelnd und das Glas hebend, zu und schaute auf die beiden Alten auf der Gartenbank, Tante Elfriede an Onkel Gustav gelehnt, wie ein junges Paar.
„Bis man die eine findet, welche die Schönste von allen ist, und man entscheidet sich, nur noch sie zu lieben.“
Onkel Gustav schmunzelte und zwinkerte. Tante Elfriede kicherte.
„Man muss ja nicht alles glauben, was Onkel Gustav sagt.“
In dieser Zeit begann das Dahinschwinden der Großtante, durch die Alzheimer Krankheit nämlich. Zwei oder drei Jahre später hatte die Krankheit sich arg verschlimmert, und sie fragte plötzlich Lukas, wie alt er denn sei.
„Zweiunddreißig Jahre.“
Lukas legte bei diesen Worten den Arm um seine damals anwesende zwanzigjährige Liebste, die sich sehr verwunderte, als Tante Elfriede hemmungslos lachte.
„Du bist doch erst acht“, sagte sie, und seine Liebste fürchtete sich.
„Wo ist denn Gustav?“
Die Augen der Tante flackerten und Onkel Gustav saß neben ihr. Er zwirbelte seinen Schnurrbart, aber blieb ernst.
„Ich möchte mal sagen, es kommen schwere Zeiten auf uns zu.“

Lukas verließ das Wäldchen und gelangte in einen Park der Vorstadt. Er lief an einer winzigen Kirche, aus roten Backsteinen gebaut, vorbei und passierte eine frisch renovierte Schule. Nun war es zum Haus von Onkel Gustav nicht mehr weit. Um den Sportplatz der Schule wuchsen hohe Sträucher, deren nackten Zweige dunkelbraun glänzten, weil sie mit grünen Knospen schwanger gingen.
Zwei oder drei Jahre vor diesen schweren Zeiten begingen Tante Elfriede und Onkel Gustav ihr schönstes Fest, die Goldene Hochzeit. Die ganze Familie traf sich. In der kleinen Kirche, die Lukas gerade hinter sich gelassen hatte, gaben sich die beiden noch einmal das Ja-Wort, bis dass der Tod sie scheide. Lukas erschien mit seiner derzeitigen Liebsten, einer sehr schönen fünfundzwanzigjährigen Schauspielerin, und er erinnerte sich noch genau über ihre gezeigte Rührung des Herzens, als Tante „man muss ja nicht alles glauben“ und Onkel „ich möchte mal sagen“ den Walzer allein tanzten, die Gäste rundherum standen und begeistert klatschten, als es zum Kusse kam, so scheu wie die Kinder es tun.
Lukas begann zu dieser Zeit, sich als Theaterkritiker einen Ruf in der größten regionalen Zeitung zu machen.
Die Feier fand in einem großen Saal eines nagelneuen Hotels direkt am See statt. Neben Onkel Gustav entdeckte Lukas einen wahrlich knorrigen alten Mann sitzen, das Haar schneeweiß. Irgendwann am Abend winkte ihn Onkel Gustav heran und stellte ihn dem Alten vor.
„Das ist Lukas, der ewige Junggeselle, ein Großneffe von uns.“
Er zwirbelte seinen Schnurrbart und zwinkerte.
„Und das ist dein Großonkel Alfred.“
Lukas verbeugte sich artig und reichte dem fernen Verwandten die Hand. Die andere Hand, die er berührte, war groß und welk und kühl. Onkel Alfred blinzelte und seine Stimme knarrte, als er sich erkundigte, ob Lukas verheiratet wäre. Onkel Gustav lachte.
„Er ist mit seiner Freundin hier, aber es ist immer eine andere.“
Onkel Alfred blinzelte zum Ende der Tafel, wobei es nicht sicher war, dass er Lukas’ Freundin erkannte, beugte sich vor und redete knarrend zu seinem jüngeren Bruder:
„Der Junge ist wie du.“
Damit war Lukas entlassen.
Vier Jahre später war Tante Elfriede tot.

Lukas hatte das Grundstück seines Onkels Gustav erreicht und drückte den Klingelknopf neben der Gartentür. Er schaute aufs Haus und wartete. Die großen Schaufensterscheiben des ehemaligen Friseursalons waren von innen weiß bemalt.
„Hallo, wer ist denn da?“
Die Stimme des Onkels kam aus dem Lautsprecher der Wechselsprechanlage. Lukas beugte sich vor und grinste.
„Hallo, Onkel Gustav, ich bin’s, Lukas.“
Das Summen des Türöffners lockte ihn hinein.
Eine Stunde später saß er in der guten Stube dem Onkel gegenüber und schenkte ihnen guten Whisky ein, den er mitgebracht hatte. Die Kristallgläser standen auf der großen weißen Spitzendecke, die einst Tante Elfriede gehäkelt hatte. Sie hatten Kaffee getrunken und Streuselkuchen gegessen, denn auch Onkel Gustav konnte backen. Trotz seines hohen Alters war er erstaunlich rüstig. Lukas hatte ihn das letzte Mal vor sieben Monaten besucht, Onkel Gustav hatte sich kaum verändert. Wie Lukas erfahren hatte, kümmerte sich seine Familie um ihn, was aber gar nicht notwendig war. Lukas selbst hatte gar keinen Kontakt mehr mit seinen Geschwistern. Besonders sein Bruder spekulierte darauf, das Haus zu erben, wie ihm Onkel Gustav schmunzelnd mitteilte, denn der Alte durchschaute das Spiel. Ob Lukas nicht das Haus erben möchte, fragte er etwas lauernd, doch Lukas wehrte lachend ab.
Auch, als ihn Onkel Gustav vor dem Kaffee durchs Haus geführt und unter anderen den stillgelegten Friseursalon gezeigt hatte, die Stühle standen in dem halbdunklen Raum mit ihren Trockenhauben unter Tüchern verhüllt wie Geister herum, hatte Lukas gelächelt, da er den Onkel durchschaute, und geschwiegen.
Er blickte durch das große Fenster auf den hinteren Garten. Das einst so wohlgepflegte Stück Natur ließ der Onkel inzwischen verwildern. Ganz hinten in der Ecke entdeckte er noch halb zerfallene Mauerreste des ehemaligen Plumpsklosetts. Das hatte noch seine Funktion im gut erhaltenen Zustand vor dreißig Jahren.
„Weißt du, Onkel Gustav, dass ich mich dreißig Jahre zurück erinnern kann?“
„Ich möchte mal sagen, das gibt es.“
Und Onkel Gustav schmunzelte.
Lukas berichtete, wie er an einem Sonntag vormittag dringend aufs Klo musste, aber sein drei Jahre älterer Bruder, dieser arge Hundsfott, nicht fertig wurde mit seinem Geschäft. Onkel Gustav zwirbelte seinen Schnurrbart und hörte zu. Der fünfjährige Lukas sprang schreiend vor der Holztür auf und ab, die Sonne tauchte den Garten in gleißendes Licht, und die Tageshitze kam auf. Bienen schwirrten um den kleinen Lukas, als plötzlich sein Bruder die Tür aufstieß, dass sie ihn umhaute.
Ja, gab der Onkel zu, ich erinnere mich tatsächlich, wir liefen alle herbei, Tante Elfriede brachte einen Eimer Wasser, und du kamst wieder zu dir.
Und du hieltest mich im Arm, bemühte sich Lukas, in den Onkel die weiteren Ereignisse zurückzurufen, ich aber wachte auf und fragte:
„Bin ich jetzt tot.“
„Und was antwortete ich?“
Onkel Gustav schaute Lukas sinnend an.
„Ja, du sagtest einfach ja, ab jetzt bist du im Himmel.“
„Und seitdem träumst du?“, fragte Onkel Lukas.
Sie unterhielten sich noch zwei Stunden. Der alte Onkel hatte sich seine Neugierde bewahrt, und Lukas musste ihm viel erzählen. Fast jeden dritten Abend besuchte er Theatervorstellungen, um am nächsten Tag Kritiken zu schreiben. Lukas verriet dem Onkel sogar das Geheimnis seines Erfolges. Er bekam zu den Premieren zwei Theaterkarten und lud eine junge Schauspielerin eines anderen Theaters zum gemeinsamen Besuch ein. Die anschließend bei einer Flasche Wein gehörte Kritik der eifersüchtigen Künstlerin in aller Gehässigkeit brauchte er nur noch in andere Worte kleiden und am nächsten Tag in der Redaktion abzuliefern. So verschaffte er sich einen unbestechlichen Namen und war ein Garant für eine treue Leserschar.
Er lebte sehr gut davon, besaß eine Eigentumswohnung mit einer großen Dachterrasse, die er allein bewohnte, denn er fand einfach nicht die richtige Frau fürs Leben.
„Und oft fühlst du dich so einsam in deinem schönen Heim, nicht wahr?“
Ja, gab Lukas zu und trank noch einen Whisky, die ewige Jagd nach der Liebe ermattet.
Onkel Gustav hielt wacker mit.
„Ich möchte mal sagen, es ist an der Zeit aufzuwachen, mein Junge“
„Onkel Gustav, unser Vater hat oft von dir erzählt. Du hast es in jungen Jahren verstanden, vom Krieg befreit zu werden, denn die Herren Generale brauchten einen Friseur. Später stutztest du den Russen die Haare und bautest dir den schönen Friseursalon auf. Und du warst ein Frauenheld, nicht wahr, oft hab' ich die Frauen geliebt. Während des Krieges gab es nicht viele jungen Männer in Berlin, die gesund waren, und auch nach dem Krieg gab es einen großen Durst nach Liebe, und nach Leben.“
Der Onkel nickte nachdenklich und zwirbelte seinen immer noch pechschwarzen Schnurrbart.
„Ich möchte mal sagen, ich habe nichts ausgelassen, bis ich genug hatte von diesem Leben und die Tante Elfriede fand.“
Doch, beeilte sich Lukas zu beteuern, genau genommen, warst du und Tante Elfriede für uns alle der Inbegriff einer dauerhaften Liebe, bis zum Tode sogar.
„Wie habt ihr euch eigentlich kennen gelernt?“
Onkel Gustav stieß mit ihm an und erzählte.

Da erfuhr er das erstaunliche Ereignis im Jahre 1949 im Frühjahr mitten im warmen Berlin in einem Straßencafé. Onkel Gustav trank eine Tasse Kaffee und beschaute sich etwas gelangweilt die Spaziergänger des Kudamms. Zwei Tische weiter saß eine Frau allein, von der er den Arm und eine Schulter sah, wenn sie sich vorbeugte auch ihr Profil. Und wie in einer Eingebung wurde ihm plötzlich bewusst, dass all sein Streben im Leben ein Ziel hatte: Er wollte diese Frau in seinem schönen Haus haben, für immer von nun an bis an das Ende des Lebens, das Herumstreunen hatte ein Ende. Mit seltsamer Sicherheit steuerte er ihren Tisch an und war etwas erstaunt über ihr Aussehen mit dem Gefühl, das ist sie also, und sprach sie an.
Die junge Tante Elfriede war eine Schauspielelevin, einen Monat später begann sie ihre Ausbildung als Friseuse.
„Und es ging gut, weil ich auf meine innere Stimme hörte.“
Lukas beendete das Gespräch und verabschiedete sich, denn am Abend fand eine Premiere in einer der angesehensten Theater der Hauptstadt statt.

Lukas stand in der Theaterkantine und trank Champagner. Das kalte Büffet für die Premierenfeier war bereits aufgebaut. Das Stück langweilte ihn; die Regisseurin, seine Lieblingsfeindin, inszenierte einen Klassiker und konnte sich scheinbar nicht richtig entscheiden, ob modern oder werkgetreu.
Lukas hatte die Kritik schon nach der ersten Hälfte fertig im Kopf, die Jungfrau von Orleans oder die öffentliche Selbstbefriedigung einer Narzisse, er grinste vor sich hin, ein Verriss war wieder einmal fällig und schwänzte einfach die zweite Hälfte der Vorstellung. Er fühlte sich allein in der Kantine.
Plötzlich erschrak er. Auf einem Stuhl entdeckte er den Arm und die Schulter einer Frau, Formen wie er sie anmutiger noch nie gesehen hatte. Er trat an den Tisch und sah die fremde Frau voller Staunen an.
„Sie sind nicht in der Vorstellung?“
Sie lächelte.
„Nein, das Stück ist so langweilig, sie wissen nicht, welches Problem sie haben und machen ein Problem daraus.“
Lukas lachte herzhaft.
„Warten Sie, ich hole Ihnen Champagner, nachher wird er knapp.“
Er stieß mit ihr an.
„Sind Sie vom Theater?“
„Um Gottes Willen, meine Freundin möchte Schauspielerin werden, sie hat ihre erste kleine Rolle heute.“
Sie wurde immer schöner und ihm war, als wurde sie es nur für ihn.
„Und was sind Sie von Beruf, ich bin Kritiker.“
„Ich bin Friseuse, genauer gesagt, seit einer Woche Friseurmeisterin.“
Lukas hörte seine innere Stimme, und er stammelte.
„Ich möchte mal sagen, Sie sind die schönste Frau, die ich je sah.“
Sie errötete.
„Man muss ja nicht alles glauben, was Sie sagen.“
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