Herbs Café

das etwas andere Literaturforum




FAQ | Suchen | Registrieren | Login


Herbs Café
Zum Forum


Navigation
Home
Forum
Forum-Fragen
Suchen
Nickpage-Liste
Statistik
Smilies
Schilder :-)
Impressum


Links
Herbs Chat
Kalenderlexikon
Wikipedia
Wetter DE
Literarchie-Forum

Blogs & HPs
Melusine
herb
Zefira
Josie
nachtlichter

Die Ziege

 
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Herbs Forum Foren-Übersicht -> Erzählungen
Der Engel :: Die Heiratsvermittlerin  
Autor Nachricht
herb





Angemeldet seit: 13.09.2006
Beiträge: 1106

Wohnort: Berlin

BeitragVerfasst am: 23.Nov.06 22:05 Nr: 1316    Titel:  Die Ziege

Lena war Gerhards jüngste Tochter. Gerhard war Vater von vier Kindern, aber Lena schlug aus der Art. Während die beiden großen Jungen erfolgreiche Geschäftsleute wurden, hatte die mittlere Tochter einen Politiker geheiratet und übte die anstrengende Tätigkeit einer repräsentativen Hausfrau aus. Alle drei Kinder bescherten ihm Enkelkinder, Gerhard war gesegnet wie ein biblischer Patriarch.
Seine Firma lief erfolgreich, und der Mann seiner mittleren Tochter half ihm auch, dass er Aufträge von der Stadt bekam. Gerhard besaß eine schöne Villa am Wannsee, und immer gab es Trubel, Besuche, Feiern. Obwohl Gerhard schon zweiundsiebzig Jahre alt war, hatte er sich noch nicht zur Ruhe gesetzt.
Übrigens, sah er dank guter Ärzte und einer gesunden Lebensweise bedeutend jünger aus. Er scherzte oft und sagte:
„Die Arbeit hält mich jung.“
Bei solchen Bemerkungen zog sein ältester Sohn eine finstere Miene, denn Gerhard wusste natürlich, dass dieser auf seine Nachfolge spekulierte. Gerhards Frau Helga führte den großen Haushalt mit der Hilfe von drei Angestellten, und ihre Galaempfänge waren legendär in der Stadt. Sogar die Zeitungen berichteten davon, sie versteigerte die Hüte der anwesenden Damen und die Spendengelder flossen nach Äthiopien, denn dort hungern die Kinder sehr, wie man sich beim Kaviarbrötchen in der rechten und dem Sektglas in der linken Hand mitteilte. Helga war also eine stadtbekannte respektable Persönlichkeit an der Seite eines erfolgreichen Geschäftsmannes.
Nur aber die Lena, Gerhards heimliches Lieblingskind, schlug aus der Reihe. Sie brach ein Geschichtsstudium ab, begann mit Soziologie und gab es auch auf, inzwischen schon dreißig Jahre alt, wohnte sie als Single in einer Wohngemeinschaft und bezog – Sozialhilfe. Gerhard wollte das nicht einsehen, sagte, es wäre gegen das Gesetz, er müsse sogar für sie sorgen, doch Lena lehnte jede Hilfe ab.
Gerhard versuchte oft, den Kontakt mit ihr aufzunehmen, die übrige Familie durfte es gar nicht wissen, aber Lena ließ ihren Vater nicht an ihr Privatleben heran.
Soviel erzählte sie ihm einmal, dass sie nämlich mit einem Freund ein kleines Puppentheater betrieb, ohne Gewinn zu erzielen natürlich, denn sie hielten die Eintrittspreise lächerlich niedrig. Einige ihrer Freunde schnitzten die Puppen, eine Freundin schrieb die kleinen Kasperlestücke.
Einmal, Gerhard hatte die Adresse des Puppentheaters im Ostteil der Stadt von einem Detektiv erhalten, fuhr Gerhard einfach mit seiner großen schwarzen Limousine vor und besuchte eine Vorstellung. Der grauhaarige honorige Mann saß inmitten von juchzenden und kreischenden Kindern, während er seine jüngste Tochter hinter dem Vorhang der Spielzeugbühne vermutete. Nach der Vorstellung wollte er gerade in seine Limousine einsteigen, der Fahrer hatte aus Sicherheitsgründen und natürlich auch aus Desinteresse im Wagen gewartet, da stand seine Lena zornentbrannt vor ihm. Ihre schönen weichen und lockigen Haare flatterten im Wind, und sie musste sie sich andauernd mit einer Hand aus dem Gesicht streichen.
„Vater, ich möchte nie wieder, dass du mir nachspionierst, okay, was sollen meine Freunde von mir denken, wenn sie dich sehen?“
Gerhard hielt inne. Er schmunzelte.
„Muss man sich wegen mir schämen, Lena, bin ich nicht mehr dein Papa, ich habe doch ordentlich Eintritt bezahlt?“
Lena sah ihn fassungslos an und begann plötzlich zu weinen. Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter und heulte ihm den grauen Maßanzug nass.
„Entschuldige Papa, aber lass mich entscheiden, wenn wir beide uns mal treffen, ich ruf' dich dann an.“
Gerhard strich ihr über das schöne weiche und lockige Haar und sagte:
„Du bist und bleibst immer meine kleine Lena, wenn du Hilfe brauchst, dann melde dich, aber melde dich auch, wenn du mal deinen Papa einfach nur sprechen möchtest, die anderen müssen es ja nicht wissen, wir können doch öfter mal einen Kaffee trinken irgendwo“, er lächelte, „du kannst ja deinen auch selbst bezahlen.“
Von diesem Tage an trafen sie sich mindestens einmal im Monat heimlich. Lena brauchte nur in seinem Büro anzurufen, seine Sekretärin wusste Bescheid und stellte ihn den Anruf selbst in einer wichtigen Sitzung durch, und Gerhard betrat am nächsten Tag irgend ein Café, in dem Lena wartete. Gerhard willigte auch ein, nicht mit der Limousine vorzufahren, und er lernte auf diesem Wege die öffentlichen Verkehrsmittel kennen und Orte in dieser Stadt, von denen er sonst nichts wusste.
Die Treffen mit Lena blieben sein Geheimnis, und die übrige Familie hielt sie längst für verschollen.
Gestern nun rief Lena wieder einmal an.
„Papa, in unserer Stadt ist die Ausstellung von Modern Art aus New York, hast du Lust, sie dir mit mir anzusehen?“
Gerhard war schon mehrfach in New York, er besichtigte auch schon das Museum, aber nicht mit Lena, so sagte er:
„Aber gern, Lena, wann und wo treffen wir uns?“
Seine Mitarbeiter sahen sich verstohlen an. Wenn der Chef sich mitten in einer wichtigen Sitzung von einer Dame mit Namen Lena stören ließ, musste es schon etwas zu bedeuten haben, besagten ihre heimlichen Blicke. Doch ihre Blicke besagten auch, das geht uns nichts an. Keiner von ihnen hatte eine Ahnung, dass der Boss eine Tochter mit diesem Namen besaß. So weit war es gekommen, dass alle dachten, Gerhard wäre nur der Vater von drei Kindern.
Den ganzen Tag freute sich Gerhard auf das Treffen mit Lena. Alle wichtigen Geschäftstermine übertrug er für diesen Nachmittag an seinen ältesten Sohn. Woher sollte dieser auch wissen, dass sein Vater sich mit seiner jüngsten Schwester traf? Selbst in der Familie galt das schwarze Schaf Lena als verschollen.
Gerhard fuhr mit der S-Bahn bis zum Potsdamer Platz, dort wartete Lena schon auf ihn. Er sah sie in dem eisigen Wind in einem abgewetzten Mantel oben an der Treppe stehen und frieren. Ach Kind, dachte Gerhard betrübt, ich würde dir die schönsten Pariser Modekleidung kaufen, Pelze würde ich dir zu Füßen legen, aber du möchtest es ja nicht.
Auf den Zehn-Minuten-Fußweg hakte sich Lena bei ihm ein, als wolle sie ihn etwas stützen. Gerhard wurde es warm ums Herz. Bei ihr muss ich nicht den jugendlichen Mann spielen, dachte er.
„Alles in Ordnung in der Familie, Papa?“, fragte Lena.
„Ja, ja“, antwortete Gerhard, „immer das übliche.“
„Und Mutter macht noch ihre Wohltätigkeitsveranstaltungen?“
Gerhard schwieg einen Moment. Dann sagte er:
„Neulich sprach sie zu mir, was wohl unsere Lena macht?“
Daraufhin schwieg Lena einen Moment. Und sie sagte:
„Papa, das ist nett von dir, aber du musst nicht mir zuliebe lügen.“
Lenas Worte schnitten in Gerhards Herz. Er seufzte.
„Ach, Kind, du gehörtest doch auch einmal zu uns.“
Sie schritten zügig und näherten sich schon dem hässlichen schwarzen Flachbau der Neuen Nationalgalerie.
„Was einmal war, das kommt nie wieder, bricht dir auch das Herz entzwei“, sang Lena und kicherte etwas.
Gerhard blieb ernst.
„Weißt du nicht mehr, wie du als kleines Kind an einem Sommertag mit mir einen Spaziergang am See machtest?“
Lena flüsterte.
„Doch, ich weiß es noch, am Strand waren kleine Löcher, und du legtest eine Flaumfeder von einer Ente auf so einem Loch, das Federchen tanzte im Takt der Wellen und du sagtest, siehst du, Lena, das ist der Atem des Wassergeistes.“
Gerhard blieb stehen.
„Daran erinnerst du dich?“
Lena lachte.
„Nun fang' nicht gleich an zu heulen, Papachen, es waren doch nur die Wellen, welche die Luft bewegten.“
Gerhard drückte ihre Hand.
Sie stellten sich an. Nach zehn Minuten bemerkte Lena:
„Komisch, der Mann am Einlass reißt Eintrittskarten ein, aber niemand bezahlt?“
Eine ältere Dame hinter ihnen sagte:
„Die Karten gibt es an dem kleinen Container unten an der Straße.“
Ehe sich Lena versah, sagte Gerhard schnell:
„Warte hier, ich hol uns Karten.“
Und er lief wie ein Schulbub los, sich heimlich freuend, wenigstens den Eintritt bezahlen zu können. Lena kicherte etwas, als er zurückkam.
„Du musst nicht zwei Stufen auf einmal springen, Papa, um zu beweisen, wie fit du bist.“
„He, he“, antwortete Gerhard, „ich bin fit.“
Die ältere Dame gab ihren Kommentar.
„Ach, das ist Ihr Papa, ich dachte, er wäre Ihr Freund.“
Jetzt kicherte Gerhard etwas.
Lena drehte sich um und sah die Frau an.
„Darf ich fragen, wie alt Sie sind?“
„Aber ja“, meinte die alte Dame, „vorigen Monat wurde ich fünfundsechzig.“
„Dann“, bemerkte Lena cool, „sind Sie sieben Jahre jünger als mein Papa.“
Gerhard verschlug es die Sprache. Er murmelte fassungslos:
„Wir hätten vielleicht doch den VIP-Eingang wählen sollen, dort muss man nicht anstehen.“
„Kannst du nicht so lange stehen, Papa?“, fragte Lena und kuschelte sich an ihn. Sie zwinkerte der Dame zu, und zum Glück lachten sie nun alle drei lauthals. Gerhard fühlte sich seltsam leicht.
Zu den Ausstellungsräumen mussten sie in den Keller hinabsteigen. Dort befand sich ein riesiger Saal, der nur durch hohe weiße Wände in einzelne Räume geteilt war. Die Bilder hingen an den Wänden, und die Skulpturen standen mitten in den Räumen in so großer Anzahl, dass sich die vielen Besucher nicht drängeln mussten. Jeder hatte die Möglichkeit in Ruhe ein Kunstwerk zu besichtigen. Gerhard fand einst in New York nicht diese Ruhe und diese Zeit.
Er schlenderte mit Lena am Arm langsam, und sie schwiegen beide und schauten. Plötzlich blieb Gerhard stehen, sie waren gerade um die alles beherrschende Wand mit dem riesigen Bild von Monet „Seerosen“ gelaufen, da sah er die Ziege. Gerhard starrte die Skulptur aus Bronze an.
Lena ging vor und las das Schild an einem daneben befindlichen Pfeiler, dann kam sie zu ihm zurück.
„Was ist denn Papa“, fragte sie, „das ist die Ziege von Picasso.“
Gerhard flüsterte in ihr Ohr:
„Lena, bitte lass mich hier allein mit der Ziege, ich kenne doch schon alle Werke aus New York, aber diese Ziege muss ich damals übersehen haben.“
Lena schaute ihn skeptisch an.
„Wenn es dir zuviel wird, dann setz dich dort auf die Ledercouch, dort kannst du ausruhen, ich lauf' dann allein herum“, flüsterte sie.
„Ist gut, Kind“, flüsterte Gerhard zurück und ließ keinen Blick von der Skulptur.
Dann war er allein mit der Ziege, die zahlreichen Besucher nahm er gar nicht wahr. Er ging zweimal dichter heran, aber danach wieder in einem besseren Abstand zurück. Irgendwann fielen ihm Lenas Worte ein, und er ging zur Ledercouch, acht Sitze aus schwarzem Kunstleder zum Ausruhen für die Besucher. Alle Plätze waren besetzt. Da setzte sich Gerhard einfach auf den Fußboden, auf die graue Auslegware. Er lehnte sich an die Stirnseite der Sitzbank, stütze seinen linken Arm auf und schaute und schaute.
Auf einmal hockte Lena neben ihn:
„Was ist denn Papa, du siehst ja furchtbar aus, ist dir schlecht, hast du Herzschmerzen.“
Gerhard sah Lena an, als würde er aus einem Traum geholt.
„Nein, nein, mit mir ist alles in Ordnung, was hast du schon gesehen?“
Lena antwortete gar nicht auf seine Frage, sie lockerte seinen Schlips und öffnete ihm den Hemdkragen.
„Sitzt hier mit deinem guten Anzug auf dem Fußboden, Papa, das macht man doch nicht.“
Sie sprach mütterlich. Gerhard streichelte ihre Hand.
„Du brauchst dir keine Sorgen machen, Lena, es ist doch schließlich nicht verboten hier zu sitzen, guck mal, die vielen Wachmänner, keiner sagt etwas.“
Lena kicherte.
„Vielleicht kennen sie dich aus der Zeitung.“
Sie setzte sich neben Gerhard. Er wiederholte seine Frage.
„Was hast du alles schon gesehen, Kind?“
„van Gogh, Papa“, flüsterte ihm Lena ins Ohr.
Gerhard lächelte.
„Er verbrannte von innen heraus, weil er die Sonne in sich hineinließ, die Olivenbäume, nicht wahr?“
„Ja“, antworte Lena, „er warf einfach die Sonne als dreifache Fackel über dieses satte Grün, es ist ein wunderbares Bild.“
Gerhard sprach mit ihr, als wäre sie noch seine Kleine.
„Er ist eine Ausnahme, du kannst ihn mit keinem anderen hier vergleichen, er gab sein Leben auf, um so zu malen, kein anderer hatte diesen Mut und diesen Wahnsinn. Hast du auch die Sternenacht über Arles gesehen.“
„Ja, Papa, die Nacht, dieser Himmel mit den tanzenden Sternen, dem großen Mond, das kommt wie eine Flutwelle über den Ort.“
Gerhard lächelte.
„Das hast du gut gesagt, da herrscht Sturm, nicht wahr, da würde keine Entenflaumfeder tanzen.“
Lena sagte:
„Ich geh noch weiter, ich suche unbedingt Chagall.“
Sie stand wieder auf.
„Ich warte hier, ich muss mit meiner Ziege allein sein“, antwortete Gerhard, er bemerkte gar nicht, wie Lena wieder verschwand.
Er nahm keine Zeit wahr, er sah nur auf die Ziege.
Ab und an tauchte Lena auf und flüsterte ihm ins Ohr.
„Ich habe Chagall gefunden, seine Bilder sind wie Poesie, Poesie der Liebe.“
Oder wenig später.
„Papa, Andy Warhol war ein Spinner, aber Lichtenstein ist gut für immer.“
Gerhard sah sie an mit einer gewissen Zärtlichkeit.
„Was ist gut an Lichtenstein?“, fragte er.
„Er malte wie Comics auf gewebten Leinen, die Massenkultur, Papa, und ganz existenzielle Grundfragen des Lebens überhaupt, du musst dir das vorstellen, ein Mädchenkopf wie im Comic und eine große Wasserwelle schwappt über sie, das Mädchen sieht aus wie Marilyn und dann die Sprechblase: ‚Ich kann nicht schwimmen, warum hilft mir denn keiner, ich gehe unter’ oder so. “
Lena lachte. Gerhard schmunzelte.
„Ich kenne es, das ist genial, Edward Hopper musst du noch unbedingt finden, diese Wärme in der Kälte, und suche Cézannes Landschaften, Matisse hatte auch Skulpturen gemacht, immer wieder seine Jeanette, geh Kind, suche das alles.“
Und Lena verschwand. Und Gerhard blieb allein bei seiner Ziege. Bis Lena wieder auftauchte.
„Warum bleibst du hier bei dieser einen Ziege, Papa, du musst von Picasso mal den Knaben, der ein Pferd führt sehen, und dann von Rodin ‚Johannes der Täufer und Prediger’, du Papa, der kann es mit Michelangelo aufnehmen.“
„Wie kommst du darauf?“, fragte lächelnd Gerhard.
„Seine Körperhaltung, er geht auf die Zuhörer zu, denn er predigt ihnen ja von Jesus, der kommen wird, der rechte Arm ist ausgestreckt, er lockt die Menschen mit seinem Zeigefinger, aber der Finger der linken weist nach unten, dort geht es zur Hölle.“
Lena spricht stolz und ergriffen.
„Hm“, machte Gerhard.
„Ja, und der Hammer, Papa. Sein Gesichtsausdruck zeigt völlige Abwesenheit, wie ein Roboter.“
„Der von Gott gesteuert wird“, ergänzt Gerhard.
„Genau.“ Lena lächelt.
„Du hast mich überzeugt“, meinte Gerhard und erhob sich, „Rodin ist nicht schlechter als Michelangelo.“
Lena hakte ihn unter.
„Komm, wir gehen“, sagte Gerhard, „mir reichte die Ziege.“
„Oh“, sprach Lena lächelnd und stellte sich vor ihm und zog seinen Schlips wieder zu, „ich habe Salvador Dali noch nicht gefunden.“
Gerhard lachte.
„Vergiss diesen Faschisten.“
Auf dem Rückweg kamen sie an einem Café vorbei. Es hieß nach dem Regisseur „Billy Wilder“.
„Komm, ich lade dich auf einen Kaffee ein“, sagte Lena, „schließlich hast du den Eintritt bezahlt.“
Gerhard seufzte.
„Ach Kind“, sagte er, „warum achtest du so auf das Geld? Allerdings würde ich jetzt gern einen Kaffee trinken.“
Lena sagte leise in sein Ohr.
„Papa, du bist reich, und ich bin arm, und zwischen uns darf nie das Geld stehen, okay?“
Gerhard stöhnte gequält und sagte:
„Irgendwie verstehe ich dich auch, Kind, also bezahle du mir einen Kaffee.“
Sie betraten das Café und erklommen zwei Barhocker an einem Tischchen in der Ecke. Die Bedienung ließ auf sich warten.
„Sag mal“, fragte Lena, „wenn ich mich recht erinnere, hängt dort in eurer Villa am Wannsee auch ein echter Grosz, oder?“
Gerhard lächelte.
„Es ist eine Kopie, Lena, bei uns ist alles Kopie, ich bin nicht Rockefeller und deine Mutter ist nicht Mutter Theresa.“
Lena schaute nachdenklich nach unten.
„Die kleine Flaumfeder am Strand damals, die war echt.“
Sie schwiegen beide.
Plötzlich fragte Lena:
„Was faszinierte dich so an der Ziege?“
„Ich habe sie mit einundzwanzig Jahren im kleinen Töpferdorf Vallauris im Garten von Picassos Grundstück gesehen, ich habe Picasso und seine kleinen Kinder Paloma und Claude im Garten spielen sehen, die Ziege stand dort und eine lebende Ziege war an ihr festgebunden.“
Lena machte runde Augen.
„Du hast Picasso gesehen?“
„Ja“, sagte Gerhard, „er war ja damals noch nicht so weltberühmt, obwohl viele wussten, dass er ein Gott war, ein Genie eben.“
„Ein Gott?“, fragte Lena und staunte.
„Ja“, antwortete Gerhard, „ich erkannte es, damals trampte ich mit einem Freund durch Südfrankreich, nur um ihn zu sehen, er war wie ein lachender Faun, ein griechischer Gott, er nahm einfach Abfall, kaputte Milchkrüge, einen Weidenkorb, einen Palmwedel, Äste, Blechbüchsen, gedrehten Draht, schnitzte ein wenig einen Weinstock zurecht und klatschte es mit Gips zusammen, und er goss es in Bronze, er nahm die Abfälle der Erde des großen Gottes und zeigte ihm, er, Picasso, ist in der Lage aus diesen Abfällen die echte Ziege zu schaffen, die man sich nur denken kann, hässlich und schön zugleich, mager, aber voller Kraft staken ihre Beine fest auf der Platte, mit glatten prallen Zitzen, hochschwanger vielleicht, Sinnlichkeit pur, das Leben an sich, komisch und voller Würde, der Rücken jedoch war glatt, damit die Kinder besser rutschen konnten. Picasso schuf das Tier im Übermut seiner Schöpferkraft.“
Während Gerhard redete, schaute er wie abwesend auf Billy Wilders, der an der Wand zu sehen war, wie er auf seinem Regiestuhl sitzend sich nach hinten, der Kamera zuwendete.
„Und dann?“, fragte Lena leise.
„Dann kam ich nach Deutschland zurück und eröffnete meinem Vater, dass ich Künstler werden wollte, und dein werter Großvater sagte, nein, du studierst Volkswirtschaft. Den Rest weißt du.“
Lena legte ihre Hand auf seinen Arm. Gerhard sah sie zärtlich an.
„Ach, Lena, du trägst so ’n olles Kleid, ich würde dir so gern ein schönes Kleid schenken.“
Lena lachte.
„Das wäre so, als wenn du dieser Ziege aus Bronze eine Schicht von weißem glatten Beton überziehen würdest.“
Gerhard meinte resigniert.
„Das stimmt, kleine Puppenspielerin.“
„Wie alt war eigentlich Picasso, als du ihn damals sahst?“
Gerhard stutzte.
„Mensch“, sagte er, „der war so alt, wie ich heute bin.“
Sie lachten beide noch lauthals, als endlich die Kellnerin erschien.
„Bitte bringen Sie uns zwei Kaffees“, sagte Lena, „und für meinen Vater den besten französischen Weinbrand, den sie auf Lager haben.“
Die Kellnerin lächelte und entschwand.
Nach oben
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Herbs Forum Foren-Übersicht -> Erzählungen Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde
Seite 1 von 1

 
 Gehe zu:   
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen.


Powered by phpBB :: FI Theme :: Impressum :: Statistik

17
Profiforum gehostet von [www.plusboard.de]