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Ruzomberok :: Die Erzählung der Hure Peggy  
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herb





Angemeldet seit: 13.09.2006
Beiträge: 1076

Wohnort: Berlin

BeitragVerfasst am: 08.März.07 18:26 Nr: 1716    Titel:  Mutter

Die Tunnel für die Bahnen unter der Erde sind die verborgenen Adern der Stadt. Das zuverlässige Ein- und Ausfahren der Züge aus den Stationen versinnbildlichen den Pulsschlag des Lebens dieses Molochs... das Leben, das scheinbar für die Unendlichkeit entworfen ist.
Es gibt Stoßzeiten des Berufsverkehrs und ruhige Stunden, in denen Menschen verschluckt und an irgend einem anderen Ende wieder ausgespuckt werden.
In Wirklichkeit existiert kein Anfang und kein Ende, nur das verzweigte und doch in sich geschlossene Netz einer Riesenspinne.
Jeder einzelne Fahrgast ist ein Partikelchen, ein Blutkörperchen, das seine eigene Individualität einem ihm unbekannten höheren Gesetz der Masse unterordnet.
Es ist unwichtig, ob sich ein älterer Mann mit einem rasch noch vor dem Eingang gekauften Blumenstrauß auf den Weg macht in einem der Züge, um vielleicht in einem anderen Bezirk seiner uralten Mutter in einem Pflegeheim einen Besuch abzustatten.
Es ist unwichtig, ob eine junge Frau mit einigen Zetteln im Rucksäckchen den gleichen Zug benutzt, um an einer anderen Stelle der Stadt sich in einem Szenecafé mit anderen Singles zu treffen, um sich gegenseitig selbst geschriebene Gedichte und Texte vorzulesen... zwei von Tausenden in dieser Stadt.
Der einzelne Fahrgast ist lediglich die kleinste statistische Einheit für das U-Bahn-Netz.

Robert, ein neunundfünfzigjähriger Mann steigt in mittlerem Schritttempo die Treppe zum Bahnsteig hinab.
In der ersten Etage, die nur einen von oben unsichtbare Verbindung zur anderen Straßenseite darstellt, sitzt wie immer ein obdachloser in schwarzem Leder gekleideter Jugendlicher und trinkt eine Flasche Bier. Er ist vielleicht zwanzig Jahre alt und mit großer Wahrscheinlichkeit drogenabhängig. Neben ihn lagert sein bester Freund, ein erstaunlich gut gepflegter Hund, eine braune Dogge, die wie stets mit stoischer Gelassenheit eine Pudelmütze auf dem Kopf und eine große rote Sonnenbrille auf der Schnauze duldet. Es gibt ein paar Touristen, die das süß finden und eine Euromünze auf den daneben stehenden Teller klimpern lassen.
Neuerdings gehört zum dem Junkie eine Kleine von vielleicht sechzehn Jahren, die oben an der Treppe zum Bahnsteig, die Robert gerade hinabsteigt, steht und um nicht mehr genutzte Fahrkarten bettelt. Hier herrscht ein kalter Wind, der durch den Temperaturunterschied von Tunneln und Oberwelt entsteht, und Roberts Blick streift das frierende Mädchen, das eigentlich noch ein Kind ist, mit einem gleichgültigen Mitleid. Zu viel arme kleine Mädchen gibt es in der großen kalten Stadt.
Vielleicht durchkämmten vor ein paar Monaten noch vor irgend einer hessischen Kleinstadt Hunderte von Polizisten die angrenzenden Wälder nach der vermuteten Leiche dieses Mädchens. Wer soll das schon wissen?
Jetzt zieht es Nacht für Nacht mit dem Junkie und seinem Hund von einem besetzten Haus zum nächsten, und neuerdings verstecken sie sich in Toiletten von Bürohochhäusern, bis die Wachleute das Licht ausschalten. In den nun immer noch kalten Nächten sind die Flure für Junge und Mädchen und Hund beheizt, denn das Kapital denkt doch sozial.
Robert setzt sich auf eine Wartebank aus verchromtem Metall, die Sitzflächen sind wie ein Metallnetz. Das ist womöglich praktischer zum Abspritzen mit einem Wasserschlauch, wenn sich Betrunkene dort schlafend erbrochen haben. Diese Sitzbänke kann man auch schlecht mit Graffiti verzieren.
Er beugt sich etwas vor und riecht an den Blumen, aber sie verströmen nicht den Hauch von einem Duft. Sie sind auch wie aus Metall und glänzen verlogen frisch.
Der Bahnsteig ist fast leer an diesem frühen Nachmittag mitten in der Woche. Gleichgültig wandert sein Blick über ein Werbeplakat für Damenunterwäsche.
Robert hatte sich einmal festgelegt, immer am Mittwoch seine Mutter zu besuchen, mit der er bis vor fünfzehn Jahren noch zusammenlebte. Und nun pflegt er den Besuchstermin auch einzuhalten. Seit er im Vorruhestand ist, sind diese Mittwoche für den allein lebenden Robert so etwas wie Wochenhöhepunkte.
Inzwischen ist seine Mutter fünfundachtzig Jahre alt. Mit siebzig hatte sie sich entschieden ins Heim zu gehen, obwohl sie damals noch ganz rüstig war. Insgeheim hegt er den Verdacht, sie hatte damals in den Sinn, wenn sie ihn allein ließe, finde sich wie von selbst eine Frau für den Sohn. Davor hütet sich Robert aber sehr.
Die gelbe Schlange donnert auf den Bahnhof, und Robert stellt mit einem Blick fest, dass sie fast leer ist. Über nichts freut sich der Großstädter mehr, als über eine leere U-Bahn mit ausreichend unbesetzten Plätzen, so dass man noch nicht einmal in Berührung mit anderen Fahrgästen kommt. Robert steigt ein, setzt sich, lächelt und hält die Blumen auf den Schoß...

Geraldine ist fünfunddreißig Jahre alt und ärgert sich, seit sie denken kann über ihren Vornamen. Ihr Vater war einst heimlich in Geraldine Chaplin verliebt gewesen.
Die Berliner Geraldine ist keine berühmte Schauspielerin geworden, sondern nur eine zuverlässige Sekretärin in einem Rechtsanwaltsbüro. Sie lebt nach drei kurzen Beziehungen allein und redet sich neuerdings nicht mehr ein, doch sehr glücklich zu sein. Die letzte Beziehung endete vor genau fünf Jahren.
Geraldine schreibt in ihrer Freizeit Gedichte und kleine wichtige Erlebnisse ihres Lebens auf, wie etwa den Barbesuch in einem Szenelokal mit zwei ebenfalls unverheirateten Freundinnen.
Über die Bloggerszene im Internet hat sich ein Freundeskreis gefunden, man trifft sich auch real. Immer einmal im Monat an einem Mittwoch nimmt sich Geraldine den Nachmittag frei, und die Blogger besuchen ein Café... und lesen sich Texte vor.
Geraldine ist bekannt in der Szene für ihren schneidenden Witz, unterlegt mit einem Hauch Bitterkeit. Eine begrenzte Berühmtheit hat sie sich erworben mit ihren Texten um ihre sieben Jahre jüngere Schwester Julia. Sie hat schon des öfteren sich darüber ausgelassen wie ihre Schwester wohl zu diesen Namen gekommen sein könnte, denn Julia Roberts war zum Zeitpunkt der Geburt ihrer Schwester noch gar nicht bekannt. Es müsse sich doch wohl um Shakespeares Julia gehandelt haben, hatte Geraldine haarscharf geschlussfolgert. Ihre Schwester ist klein dick und – verheiratet mit einem dünnen langen Romeo. Beide haben zwei furchtbare Kinder und Geraldine ist die Tante Geraldine. Der Text aus dem Blog, in dem sie sich ihre dicke Schwester auf den Balkon vorstellt, während der lange Romeo Liebesschwüre von sich gibt, während sie als Tante im Hintergrund die Kleinen beruhigt, ist inzwischen zu einem Klassiker in der Bloggerszene geworden.

Für heute hatte Geraldine noch einen brühwarmen Text geschrieben, in dem sie schildert wie sie mit der dicken Schwester Sushi essen war. Romeo hütete zu Haus die Kinder und Julia flirtete im Restaurant ganz ungestört mit einem fremden Mann, den Geraldine Othello nannte.
Nur niemand flirtete mit Geraldine.
Sie druckte die Seite aus, stopft sie in ihr Rucksäckchen und stürmte los...

Als sie die erste Treppe hinunterrennt, wirft sie nur einen flüchtigen Blick zum vertrauten Obdachlosen, und hört die Stimme aus der U-Bahn „Einsteigen bitte“. Beinahe stößt sie gegen das frierende Mädchen, ohne es näher zu beachten und hechtet die zweite Treppe hinab...

Die freundliche Frauenstimme aus den Lautsprechern des Zuges klingt warmherzig, ja fast intim, als gelte sie Robert persönlich. Sicherlich hat man die Inhaberin dieser Stimme unter Tausend Bewerberinnen ausgewählt, um aufs Tonband zu sprechen. Ihr „Einsteigen bitte“ ertönt so sanft, dass jede Reisende und jeder Reisender sich wie Robert persönlich angesprochen fühlen muss, als wäre es die Stimme der Mutter von den ersten Kindertagen.
Er lehnt sich behaglich zurück und denkt an seine Mutter, während er die Blumen betrachtet. Die gute Dame ist wohlauf.
„Zurückbleiben bitte.“ Die Stimme hat aber auch nur einen kleinen Hauch von Eindringlichkeit, mehr besorgt klingt dieses wohlvertraute ‚bis Hierhin und nicht weiter’. Selbstverständlich hört man diese Stimme auch auf dem Bahnsteig, als eine eindeutige Warnung.
Robert betrachtet aus den Augenwinkeln die übrigen Reisenden. Jeder hat das zufriedene Gefühl sicher zu sitzen, und ein milder Abglanz dieses Gefühls steht in den runden Gesichtern geschrieben. Gleich geht die Fahrt weiter. Eine rote Warnlampe leuchtet über jede Tür auf, begleitet von einem schrillen Klingelton, als wäre das so eine letztmögliche Steigerung der Warnung den Zug nicht mehr zu betreten. Gleichzeitig schließen sich pneumatisch gesteuert mit leichtem Aufseufzen die Türen. Und die Bahn ruckt an.
Die Bahn bleibt in der nächsten Sekunde stehen, Robert blickt verwundert hoch. Die Tür ihm schräg gegenüber zischt gequält, aber verbissen.
Der Grund ist sofort auszumachen. Geraldine hat ihre kleinen, jedoch kräftigen Hände zwischen die sich schließenden Türen geschoben und kämpft hartnäckig gegen den Luftdruck an, die Türen wieder zu öffnen. Eine für diesen Fall vorgesehene Notbremsung wurde eingeleitet.
Der Fahrer muss in seinem Außenspiegel die junge Frau, die an einem Wagen klebt, entdeckt haben. Plötzlich hört die Tür auf zu zischen wie ein böses Monster und öffnet sich leise, ja sanft, wie von selbst.
Triumphierend betritt Geraldine den Wagen und lässt sich mit einem erleichterten „Uff“ genau auf den Platz neben Robert fallen. Dieser beobachtet die übrigen Fahrgäste. Alle schauen zu Geraldine und haben in den Augen so ein unterdrücktes Kopfschütteln versteckt. Aber schnell nehmen sie diesen Blick zurück. Die Bahn wiederholt den Anfahrvorgang und setzt sich dieses Mal reibungslos in Fahrt.
Robert guckt etwas streng auf die kleinere und zarte Geraldine herab. Ihre Wangen sind gerötet und ihre Augen blicken keck. Auf ihrem Gesicht breitet sich ein Grinsen aus.
„So hat uns das Schicksal also zusammen geführt“, sagt sie laut.
Robert runzelt die Stirn. Noch nie hatte ihn eine fremde Frau in der U-Bahn angesprochen. Er guckt weiterhin streng und entschließt sich zu antworten.
„Hören Sie“, und er räuspert sich und betrachtet sie beide im spiegelnden Fenster gegenüber. „ja“, redet Geraldine dazwischen und unterbricht seine eigene Rede, bevor er eigentlich begonnen hat, Robert entdeckt nebenbei, dass Geraldine ein Tuch über das volle braune Haar trägt, das sie hinten zusammen geknotet hat wie einen kleinen Turban und aus der Ferne steigt ihm eine Erinnerung hoch, dass seine Mutter genau auf diese Art ein Haartuch trug, als er ein ganz kleiner Bub war...
„Hören Sie“, wiederholt er dennoch streng und vollendet seinen Satz, „Sie spielten soeben mit Ihrem Leben.“
„Ach“, antwortet Geraldine und grinst noch eine Spur breiter, „ist ja noch einmal gut gegangen.“
Robert denkt einen Moment nach.
„Ja“, spricht er schließlich entschlossen, damit auch das Gespräch zu beenden, „Sie sind ja wohl auch noch zu jung zum Sterben.“
„Ha“, stößt Geraldine dieses Wort heraus und gleich darauf noch zweimal, „ha, ha.“
Robert entschließt sich die Blumen für seine Mutter zu betrachten und zupft ein wenig den Strauß zurecht.
„Darf ich fragen, wie alt Sie sind?“ fragt Geraldine, die Bahn hält in diesem Moment, und einige Fahrgäste steigen aus, was beide irgendwie gar nicht richtig zur Kenntnis nehmen. Etwas verwundert guckt Robert die junge Frau neben sich direkt an.
„Ich bin neunundfünfzig Jahre alt und möchte noch gern viele schöne Tage erleben...“
„Sie meinen“, unterbricht ihn die Frau, „das Leben als solches ist schön, oder?“
Ja.“ Robert braucht nicht lange zu überlegen. Geraldine kramt in ihrem Rucksäckchen herum und fischt schließlich einen Lippenstift heraus, um sich hingebungsvoll zu schminken. Dabei betrachtet sie sich in einem kleinen runden Spiegel.
„Und wissen Sie, warum das Leben für Sie schön ist, und Sie es auf jeden Fall vermeiden im letzten Moment in eine losfahrende U-Bahn zu springen?“
Die Bahn hält nun schon wieder und auch mehr Fahrgäste steigen aus.
Robert überdenkt die Frage und antwortet, als der Zug bereits wieder im Tunnel fährt:
„Sie werden es mir sagen.“
Geraldine lässt ihre Antwort schnell und präzise folgen, als bräuchte sie da nicht lange zu überlegen.
„Weil Sie ein Mann sind.“
„Ach“, entfährt es Robert überrascht.
„Ja, ach“, entgegnet Geraldine.
„Aber“, er war nun doch etwas interessiert, „wir sprachen über das Alter und nicht über das Geschlecht.“
Die Bahn fährt in die nächste Station ein. Die letzten anderen Fahrgäste steigen aus. Sie haben das Zentrum der großen Stadt verlassen und sind auf dem Wege in eine der malerischen Vorstädte, er zum Altenheim, sie zu einem Literaturcafé.
Der Bahnhof ist menschenleer. Gedankenlos betrachtet Robert das überall gleiche Plakat für Damenunterwäsche.
„Hübsch, nicht wahr?“
Geraldine kichert lautlos.
„Was? Das Plakat?“
„Das Modell.“
Die Bahn ruckt an.
„Ja, na klar“, meint Robert und dreht den Kopf, da sie sich entfernen, er hat jetzt erst richtig hingeguckt, eine junge blonde Frau mit lachendem Mund, „ist ‚ne Hübsche, solche suchen sie für die Werbung aus, sie wollen schließlich verkaufen.“
„Wie alt schätzen Sie denn das Modell?“
Er denkt nach.
„Vielleicht Mitte zwanzig, was weiß ich.“
Jetzt kichert Geraldine laut. Sie fahren inzwischen im Tunnel.
„Die Kleine, die Sie da mit Wohlgefallen betrachtet haben, ist allerhöchstens sechzehn Jahre alt.“
„Ach“, sagt er.
„Ja“, sagt sie.
„Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?“
„Wie alt schätzen Sie mich?“
Er schluckt. Das Gespräch mit dieser fremden Frau gerät irgendwie außerhalb seiner Kontrolle. Sehr vorsichtig antwortet er daher.
„Dann sind Sie vielleicht Mitte zwanzig?“
Wieder erklingt das dreifache Ha: „Ha“, eine kleinen Pause und dann zweimal dahinter, „ha, ha.“
Das scheint ein Tick der jungen Frau zu sein, überlegt sich Robert. Sie stößt diese Rufe wie ein Vogel im Wald aus, der über die Wipfel kreist. So spitz und eindringlich klingt das, sie sind zum Glück allein, aber es schallt direkt ein wenig im Wagen. Sie wirkt auch nicht so, als wenn sie sich durch andere davon abbringen lassen würde. Ein wenig ungeniert, so schätzt Robert sie ein.
Wie viel angenehmer, weicher und ja weiblicher die Stimme der Frau vom Tonband beim Halt und beim erneuten Anfahren, „Einsteigen bitte“, „Zurückbleiben bitte“. Das ist die Stimme einer reifen Frau, denkt Robert.
„Sie denken wohl, wenn Sie beim Alter Mitte zwanzig angeben, können Sie nichts falsch machen.“
Robert blickt in blaugrüne Augen, die irgendwie irrlichtern.
Er gibt sich einen inneren Ruck, während sie fahren und fahren. Schließlich ist er ein älterer Frühpensionär und die Frau neben ihn offenbar auf eine Provokation aus. Das Wort gefällt ihm.
„Ich möchte Sie in keinster Weise provozieren. Sollten Sie jünger als Mitte zwanzig sein, so nehmen Sie es als Kompliment für die innere Reife an, die Sie ausstrahlen. Sollten Sie jedoch ein paar Jährchen älter sein, so halten sie es von mir aus als ein Kompliment gemeint eines älteren Herrn an eine immer noch schöne und jugendlich wirkende Frau.“
Er hält den Kopf etwas schief und streicht das Zellophanpapier glatt, in dem die Blumen für seine Mutter eingewickelt sind.
Geraldine sagt laut: „Uff“ und verzichtet auf das dreifache „Ha“.
Die Bahn schnurrt dieses Mal lange durch die Nacht. Sie drückt den Rücken und Kopf an die Lehne und hält die Augen geschlossen.
„Danke.“
Robert zieht ein wenig die rechte Augenbraue hoch.
„Wofür?“
„Für das Kompliment eines älteren Herrn an eine immer noch schöne und jugendlich wirkende Frau“, jetzt öffnet sie ihre Augen, und es irrlichtert ihn blaugrün funkelnd an, „seit fünf Jahren hörte ich kein Kompliment mehr, das muss ich unbedingt Julia erzählen.“
„Wer ist Julia?“
„Meine Schwester, sie ist übrigens Mitte zwanzig.“
In der folgenden Fünf-Stationen-Fahrt erfährt Robert alles über Geraldine, sogar ihr wahres Alter.
Er hört von der Theorie, dass eine Frau auf dem Singlemarkt der einsamen Sehnsüchte ab dreißig keine Chance mehr hat, einen einigermaßen vorzeigbaren Mann zu finden, „die guten sind verheiratet, die anderen kann man vergessen.“ Robert lächelt.
Er erfährt etwas über düstere Nächte des Alleinseins bei Kerzenlicht und Rotweinflaschen, von Treffs und Singlebörsen, von Internetbekanntschaften, von immer wiederkehrenden Desillusionen, vom Nächte langen Schreiben am Computer für wen auch immer.
„Die Sehnsucht webt ein großes dunkles Tuch aus unseren Jahren“, sagt Geraldine.

Robert fühlt sich etwas hilflos ausgeliefert all diesen Offenbarungen im leeren U-Bahn-Wagen. So sagt er schnell:
„Das haben Sie aber eben schön formuliert.“
„Nicht wahr – das schrieb ich heute in meinen Blog und werde es auch vortragen.“
„Was ist ein Blog?“
Geraldine legt in ihre Stimme eine gewisse nachsichtige Zärtlichkeit.
„Das sind Tagebücher im Internet.“
Robert schaut angestrengt vor sich hin. Hier tut sich ihm eine fremde Welt auf. Diese junge Frau schreibt ein Tagebuch im Internet. Musste er das verstehen?
„Halten Sie mich für bescheuert?“
Geraldine unterbricht seinen Gedankengang. Er setzt sich gerade hin.
„Warum sollte ich Sie für bescheuert halten?“
„Weil ich wildfremden Menschen per Internet meine Geheimnisse anvertraue...“
Robert setzt sich noch ein Stück gerader hin.
„Machen das noch mehr Menschen?“
„Aber ja, Tausende.“
In diesem Moment weiß Robert, dass er nur noch eines möchte, aussteigen. Doch Geraldine lässt nicht locker, und er hat noch vier lange Stationen zu fahren.
„Sind Sie verheiratet?“
Robert räuspert sich.
„Nein.“
„Geschieden?“
„Nein.“
„Witwer?“
„Nein, ich bin Junggeselle.“
Eine Station lang ist Geraldine ruhig. Sie ist sehr ruhig. Robert schweigt mit ihr. Die Bahn summt.
Am nächsten Bahnhof lauscht Robert versonnen der Stimme aus dem Lautsprecher. Er fühlt trotzdem den Blick seitwärts.
„Wissen Sie“, sagt Geraldine, als die Bahn wieder in den Tunnel taucht, „bei Männer ist es umgekehrt, sie werden im Alter immer attraktiver“, sie hält inne und fügt dann hinzu, „manche jedenfalls. Frauen aber nie.“
Robert beschließt nicht zu antworten, die nächsten drei Stationen schafft er auch noch.
„He“ ruft Geraldine aus.
„Ja?“, fragt Robert.
„Sie reden wohl nicht mehr mit mir.“
„Ja, was soll ich denn sagen.“
„Ich habe Ihnen gerade ein Kompliment gemacht.“
„Danke“, sagt Robert.
Plötzlich fängt Geraldine hemmungslos an zu reden. Was er denn arbeite, was er sei schon Pensionär, wie er denn seine Zeit verbringe, so, so, spazieren gehen, Lesen, Musik hören, Theaterbesuche, manchmal Fernsehen, und kein Internet?
„Kein Internet“, antwortet Robert.
„Und wo fahren Sie jetzt mit Ihren Blumen hin, ein Rendezvous?“
Robert ist höflich, obwohl er etwas düpiert ist wegen dieser indiskreten Neugierde. Wahrscheinlich sind das Menschen, die Blogs im Internet schreiben, entscheidet er sich und antwortet:
„Ich besuche einmal in der Woche meine Mutter im Altersheim.“
„O Gott, Ihre Mutter lebt noch, Sie haben gute Gene.“
Dazu schweigt er.
In der nächsten Station springt Geraldine abrupt auf, „ich muss ja raus. Ich muss zu meiner Lesung.“
So schnell und hektisch wie sie kam springt sie nun von dannen. Dabei stößt sie kurz gegen Roberts Blumenstrauß, „pardon, auf wiedersehen“... und schon ist sie weg.

Roberts Mutter wickelt die Blumen aus.
„O“, sagt sie“, hier steckt ja ein Kärtchen drin.“
Sie liest laut: „Ruf mich an, Geraldine“, sie hebt den schon ein wenig wackelnden Kopf, „eine Telefonnummer, wer ist Geraldine?“
„Eine Verrückte“, antwortet Robert, nimmt seiner Mutter das Kärtchen aus der welken Hand, zerreißt es und wirft es in den Papierkorb.
Seine Mutter kichert.
„Manchmal, Robert, denke ich, du willst gar keine Frau.“
Robert grinst.
„Ich habe doch dich, Mutter.“
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